Selbstherrlichkeit der Empörungsarroganz

An die Schwäbische Zeitung
…und speziell Annette Vincenz als Verfasserin UND Kommentatorin des Artikels „Entsetzen über Video zur Rutenfest-Absage – Wie Dieter Graf sich von „Corona-Querdenkern“ vor den Karren spannen ließ“ richtet sich dieser Beitrag:

Sehr geehrte Frau Vincenz,

seit Monaten verfolge ich sporadisch die Berichterstattung, oder besser ausgedrückt, die Meinungsbildung der SZ zu den Menschen und Geschehnissen rund um die sogenannten Corona-Demos. Meiner Auffassung nach haben Sie mit Ihrem Kommentar zu einem Youtube-Video mit Dieter Graf, Bodo Schiffmann und Daniel Langhans einen neuen Tiefpunkt gesetzt. Ich habe mich gefragt, woraus sich Ihre schon fast als zu Papier gebrachte Selbstherrlichkeit der Empörungsarroganz zu bezeichnende Meinung speist, die Sie zu einem solchen Kommentar gezwungen hat. Vielleicht wissen Sie die Antwort ja selbst ad hoc nicht wirklich. Lassen Sie mich Ihnen kurz als ehemaliger Kollege der Ravensburger Lokalredaktion helfen, Ihren Kommentar aus einer anderen Perspektive zu beleuchten, um vielleicht der Antwort näher zu kommen.

Sie kritisieren Dieter Graf im weitesten Sinne dafür, dass er bei einem Rundgang durch die Requisitenhalle mit Vertretern von Mitmenschen, welche die Coronamaßnahmen als unverhältnismäßig erachten, über die Auswirkungen eben dieser Maßnahmen auf das Rutenfest spricht. Die Kritik fußt insbesondere darauf, dass Graf manchen Aussagen von Schiffmann und Langhans nicht widerspricht und bedienen sich dabei rhetorischer Mittel, bei denen ich damals von Siegfried Kasseckert nicht einmal ein Stirnrunzeln geerntet hätte, bevor er mich seines Büros verwiesen hätte. Eines finde ich allerdings bemerkenswert und zwar, wie sie fieberhaft versuchen, in wenigen Sätzen von dem abzulenken, was ich einst unter seriösem Journalismus verstand. Dabei möchten Sie den Eindruck erwecken, dass Sie aufgrund intensiver Recherche exakt untermauern können, warum die Beschränkungen sinnvoll sind.

Sie sprechen von Pandemie und Todesopfern, als seien Sie beim Änderungsbeschluss der Pandemie-Definition seitens der WHO 2009 zu Rate gezogen worden und regelmäßig im engsten Zirkel der Statistiker der Johns-Hopkins-University und des RKI dabei. Von den hellseherischen Fähigkeiten in Bezug auf die Spätfolgen dieser Erkrankungswelle kann ich hier nicht eingehen. Dafür beneide ich Sie einfach nur. Doch objektiv betrachtet reihen Sie sich in die „Strg+c – Strg+v“ Berichterstattung unzähliger Medien ein und ja, Sie fallen dabei nicht wirklich auf. Da wird es einer „selbsternannten“ (sorry, wenn ich hier Ihre Worte benutze) Journalistin ja auch sehr leicht gemacht und mittlerweile sitzt das Repertoire von Verschwörungstheoretiker, Rechts, Reichsbürger, Leugner und es wird wie ein Bindewort inflationär verwendet. Warum, frage ich Sie, liefern sie nicht gleich die Antwort auf Ihre polemische Frage nach einem Grundrecht auf Zuckerwatte und Rutenwurst? Das hätte ich sehr spannend gefunden, aber so…

Und nachdem Sie zunächst die ganze Stadt Ravensburg hinter sich wähnen, verabschieden Sie sich dann in die Sphären von Vermutungen, Wahrscheinlichkeiten und Ungewissheiten und vertrauen darauf, dass das ungeschriebene Gesetz „der Leser ist dumm“ seine Wirkung schon entfalten wird. Sie kennen ja den bereits erwähnten zeitgemäßen Fachbegriff für solche Thesen. Nach einer derartigen Leistung hätte ich vor vielen Jahren womöglich nicht einmal den Sonntagsdienst für den Lokalsport übernehmen dürfen. Verspüren Sie gerade dieses unschöne Gefühl? Mehr Wut als Zorn, vielleicht? Keine Angst, ist ein gutes Zeichen. Können Sie sich in den einen oder anderen Leser hineinversetzen, der vielleicht auch so empfindet?

Ich hatte wunderbare Redakteure, die mir als jungem Menschen aufgezeigt haben, wie die Herangehensweise an eine Geschichte ist. Ich habe gelernt, dass sich die Leser selbst ein Urteil bilden dürfen und dass nicht ich es sein kann, der im Imperativ über Wohl und Wehe bestimmt. Ein Kommentar war die Ausnahme und nicht die Regel, wie es heute zu sein scheint. Glücklicherweise gab es das Internet noch nicht in dieser Form, ich durfte mit vielen Menschen reden und habe mir Notizen gemacht. Schon im Gespräch begann das zu berichtende Formen anzunehmen.

Ich musste nicht in einem Büro oder in einem Home-Office verharren und mich der Illusion hingeben, ich könne einigermaßen brauchbare Berichte abliefern, wenn ich nur einen (und zwar meinen) Teilaspekt beleuchte. Und es waren nicht immer angenehme Gespräche. Nicht jeder war begeistert von dem, was ich da schrieb. Es ist nicht nur der Applaus der Mehrheit, Frau Vincenz, sondern vor Allem die bittere Kritik, die Weisheit bringt. Ich erinnere mich an das angespannte Verhältnis zum damaligen Trainer des FV Ravensburg Peter Thomann, den ich eines Tages durch Zufall auf der Stuttgarter Königstraße getroffen hatte. Dieser darauffolgende Austausch der Sichtweisen und Meinungen war sehr erhellend und prägend. Haben Sie die Größe auf Herrn Graf zuzugehen? Haben Sie die Weitsicht, sich seine Meinung und Sichtweise in aller gebührenden Ernsthaftigkeit anzuhören, statt ihn aus der Bequemlichkeit einer geschaffenen Mehrheitsmeinung heraus trotz all seiner Verdienste aus seinem Amt jagen zu wollen?
Ich hoffe, Sie lesen sich Ihren Kommentar nochmals durch und nehmen eine etwas andere Perspektive ein. Vielleicht kommen Sie tatsächlich der Antwort näher, warum Sie den Kommentar so verfasst haben, wie er gedruckt wurde.

Mit freundlichen Grüßen,
kreuz- und querdenkend

Saladin Zulic

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.